Behindert: na und?

Eine Behinderung bedeutet grundsätzlich eine gewisse Einschränkung der Möglichkeiten, die manche Menschen im Leben entweder „erwerben“ oder von Geburt an mit sich herum tragen. Unfälle und Krankheiten machen aus einem gesunden Menschen jemanden, der plötzlich auf Hilfe angewiesen ist – je nach Grad der Behinderung, die diagnostiziert wird. Plötzlich ist ein Sportler querschnittsgelähmt, verliert der Biker ein Bein oder hat jemand nach einem Gehirntumor den Körper oder die Sprache nicht mehr unter Kontrolle. Möglicherweise ist ein solches Unfallgeschehen aber auch die Ursache für eine geistige Behinderung, die nun die Angehörigen vor die schwere Aufgabe stellt, den Menschen neu kennenlernen und akzeptieren zu müssen. Deutlich angeschlagen, aber dennoch voller Motivation glänzt im Moment Monica Lierhaus, bekannt aus dem deutschen Fernsehen, als positives Beispiel: Sie hatte sich nach einer Operation am Gehirn mühsam von den Folgen des viermonatigen Komas erholen müssen.

Der TV Star steht trotz deutlicher Spuren der Erkrankung im Rampenlicht und macht anderen Menschen Mut und Hoffnung. Auch Samuel Koch, der verunglückte Kandidat in der TV Show „Wetten dass“, musste eine Veränderung im Leben hinnehmen: Aus dem jungen, sportlichen und engagierten jungen Mann wurde in einem Sekundenbruchteil ein Mensch, der nun auf volle Pflege und Unterstützung angewiesen ist. Schwer zu begreifen, dass er nicht einmal mehr selbst aus einer Flasche trinken kann. Dennoch beweist er Mut, sein Leben auch mit Handicap zu meistern und stellte seine positive Einstellung auch in einem TV Interview erst kürzlich unter Beweis.

Behinderte Menschen nicht entrechten

Oft gehen die Menschen im Umfeld eines behinderten Angehörigen, Freundes oder Arbeitskollegen ganz anders mit diesem Problem um, als der Gehandicapte das eigentlich möchte. Er will nicht entrechtet, sondern nur gemäß seinen Fähigkeiten behandelt werden. Das bedeutet, dass beispielsweise ein Mensch, der mit Trisomie 21, also dem Down-Syndrom zur Welt gekommen ist, durchaus manche Fähigkeiten hat. Nicht unbedingt muss, bei entsprechender Einweisung, jemand verschreckt aufschreien, wenn sich dieser vielleicht nur leicht geistig behinderte Zeitgenosse dem Gasgrill nähert, um sein Würstchen selbst zu wenden. Es ist durchaus im Rahmen des Möglichen, dass das ohne jedes Problem geschafft werden kann. Abgestempelt und für unfähig erklärt zu werden, ist jedoch ein Problem, mit dem viele Behinderte kämpfen müssen. Die Menschen im direkten Umfeld können jedoch ganz gut beurteilen, was an Fähigkeiten oder Wissen vorhanden ist, was aber durch eine Behinderung unmöglich geworden ist beziehungsweise niemals möglich war.

Bevormundung führt vielleicht zur Aufgabe im Sinne eines Verlustes des Lebensmutes, den auch ein Mensch mit Handicap durchaus noch haben kann. Der Querschnittsgelähmte ist ein gutes Beispiel: Viele, ab der Brustwirbelsäule gelähmte Menschen können durch Erlernen bestimmter Tricks einiges selbst leisten. Sie müssen nicht über die Kante des Bürgersteiges geschoben werden und können sich durchaus selbständig waschen, pflegen und in gewissen Grenzen fortbewegen. Viele fahren sogar Auto, wenn auch mit einem umgebauten Automatik Fahrzeug. Diesen persönlichen Freiraum sollte niemand durch zu gut gemeinte Hilfsbereitschaft unterdrücken und damit die verbliebene Flexibilität aus dem Leben verbannen.

Das Leben an die Behinderung anpassen

Natürlich ändert sich nach einem Unfall oder zum Beispiel auch nach der Geburt eines behinderten Kindes das Leben auf entscheidende Weise. So kann es durchaus der Fall sein, dass die bisherige Wohnung nicht mehr den neuen Anforderungen gerecht wird, und sich das Unfallopfer oder die Familie nun nach behindertengerechten Immobilien umsehen muss. Nicht immer wird diese Suche von anderer Stelle gefördert – außer es sind einzelne Umbaumaßnahmen medizinisch wichtig, wie etwa der Einbau eines Lifts im Badezimmer oder anderes. Letztendlich schafft sich die Familie aber ein sorgenfreieres Leben, wenn Rampen an Treppenstufen, breitere Türen und andere Vorkehrungen, die das Leben mit gehbehinderten Menschen erleichtern, in einer Immobilie bereits vorhanden sind.

Behinderte Menschen, die keiner Komplettpflege bedürfen, haben durchaus das Anrecht auf eine eigene Wohnung. Sie müssen nicht unbedingt in einem betreuten Wohnen untergebracht werden, wenn dies die körperliche oder geistige Verfassung nicht zwingend erforderlich macht. So kann ein Rollstuhlfahrer durchaus selbst kochen, wenn in der Küche die Arbeitshöhe richtig durchdacht und die Schränke erreichbar sind. Der Kühlschrank muss eben den Griff in erreichbarer Höhe, ebenso, wie der Knopf der Dunstabzugshaube nicht zu hoch angesetzt werden darf. Stimmt die Kücheneinrichtung, ist eine Selbstversorgung absolut kein Thema.

Heutzutage ist es sogar möglich, dass auch körperlich eingeschränkt leistungsfähige Menschen einer ganz normalen Arbeit nachgehen. Sie können durch Hilfsmittel selbst bei Blindheit einen Computer bedienen, an speziell eingerichteten Arbeitsplätzen Verwaltungstätigkeiten nachgehen und selbst handwerklich tätig sein. Einen Beruf zu erlernen: Das wird heute selbst bei nicht allzu sehr vom Down-Syndrom betroffenen Menschen ermöglicht. Sicher werden die Aufstiegschancen vielleicht nicht mit einem gesunden Angestellten vergleichbar sein, und vielleicht reicht es auch nicht für ein Abitur und das darauf folgende Studium. Ein Lebensinhalt, zum Beispiel mit einer Aufgabe in einer Behindertenwerkstätte, die es in vielen Städten gibt, kann diese Arbeit dennoch werden. Mit Zielen und Erfolgen, etwas Geld in der Tasche und vor allem Selbstachtung und Anerkennung von außen. Handwerkliche Aufgaben, wie das Fertigen von Schmuck oder anderen Arbeiten in diesem Bereich werden von Kunden sehr gerne angenommen – sei es im Internet, auf einem Markt beziehungsweise Basar im Direktverkauf vor Ort.

Freizeit und Sport mit Behinderung

Auch in Sachen Freizeitgestaltung sollten Menschen mit Handicap nicht beschränkt werden. Ob in einer Einrichtung, in einem betreuten Umfeld oder innerhalb der Familie: Die Behinderung heißt nicht automatisch, dass das Leben an einem Menschen vorüberziehen muss, ohne die schönen Dinge gesehen und erlebt zu haben. Vielleicht erlebt der geistig behinderte Jugendlich den Besuch in einem Freizeitpark anders, als seine gesunden Alterskollegen, doch wird auch er hier Spaß haben. Wenn ein Besuch im Spaßbad aus körperlichen Gründen nicht uneingeschränkt möglich ist, kann dennoch eine Mitfahrt angesetzt werden. Mit etwas Hilfe macht auch das Bad im Whirlpool oder einfach das entspannte Liegen im Wasserbecken durchaus Spaß, bringt Muskelentspannung und Abwechslung.

Wer einmal mit nur einem behinderten Familienmitglied, Freund oder Pflegling ein größeres Event besucht hat, weiß, dass es nicht so einfach ist, von vielen Menschen angestarrt zu werden, sich dabei aber auch noch mit Hürden in den Wegen, wie etwa Treppen, Bürgersteigkanten und anderen Barrieren auseinander zu setzen. Wer nun aufgibt, sich versteckt und nicht den Widrigkeiten trotzt, wird keinen Spaß im Leben haben. Also zählt die Devise, wer etwas Schönes erleben und zum Beispiel das Oktoberfest besuchen will, darf sich auch im Rollstuhl in Schale schmeißen, hübsche Trachtenmode anziehen und auf die Theresienwiese reisen. Hier ist man seitens der Organisation auf Hilfen und Unterstützungen bedacht und sorgt für möglichst barrierefreie Besuchsmöglichkeiten, auch für Rollstuhlfahrer. Sollen die anderen doch schauen und sich umdrehen: Die Hauptsache ist doch, man kommt einmal heraus, sieht etwas Spannendes oder Lustiges und hat seinen Spaß.

Viele behinderte Menschen haben gerade durch ihre Einschränkung ein besonderes Engagement entwickelt. Sie wollen den anderen zeigen, dass das Handicap kein Grund ist, sich gehen zu lassen. Die Paralympics zeigen, dass sogar sportliche Erfolge möglich sind, auch wenn einige körperliche Beschwerden zusätzlich zur Behinderung das Leben doppelt schwer machen. Das dauerhafte Sitzen in einem Rollstuhl kann zu wunden Stellen führen. Durch besonderen Dekubitus-Schutz, zum Beispiel in einem Wasserbett, beugt man diesen Beschwerden vor. Für amputierte Gliedmaßen gibt es heute sehr hochwertige und technisch weit entwickelte Prothesen. Mit diesen können beinamputierte Menschen laufen und rennen, können armamputierte Menschen greifen, zum Schwimmen gehen oder etwas tragen.

Angeborene Behinderung, Krankheit oder Unfall

Jemand mit einer angeborenen Behinderung kennt sein Leben nicht anders. Sowohl die Angehörigen, wie auch der kranke Mensch selbst müssen nun gemeinsam das Beste aus der Situation machen. Allerdings gilt dies auch für Menschen, die ihre Behinderung erst seit einer schweren Krankheit oder einem folgenschweren Unfall haben. Auch hier darf das Ziel, möglichst glücklich weiterleben zu können, nicht aus den Augen verloren werden. Sicher gibt es hier Unterschiede. Eine Prothese oder besondere Schuhe mit speziellen Einlagen sind leichter zu ertragen, wie der plötzliche Verlust geistiger Fähigkeiten, der eine berufliche Laufbahnen beendet, eine Ehe vor sehr schwere Herausforderungen stellt und anderes. Es sind nicht die Kleinigkeiten der täglichen Belastungsproben, sondern das an sich veränderte Leben, das den Mut manchmal zur begehrten Mangelware macht. Die Reiserücktrittsversicherung wird nicht mehr für eine Wasserportreise auf die Seychellen, sondern für behindertengerechtes Reisen mit Pfleger abgeschlossen und auch sonst wird es einige neue Orientierungen geben. Das empfinden die Opfer von Krankheit oder Unfall aber nicht so schlimm, wie das Mitleid ehemals guter Freunde, die sich abwenden, weil sie nicht mehr wissen, wie sie sich dem einstigen Freund gegenüber verhalten sollen.

Diskriminierung und Mobbing sind heute ja immer noch an der Tagesordnung. Bösartige Beschimpfungen und Beleidigungen müssen an den Betroffenen abprallen. Würden sie sich all diese dummen Kommentare zu Herzen nehmen, müssten die Gehandicapten gleich aufgeben und an der Ausgrenzung verzweifeln. Dass es auch anders geht, zeigen viele Organisationen, aber auch Mitmenschen, die ein gehöriges Maß an Akzeptanz und Toleranz zeigen.

Hilfen vom Staat, von der Krankenversicherung und Selbsthilfe

Sehr unterschiedlich fallen für behinderte Menschen die Einstufungen und Hilfen durch öffentliche Stellen aus. Der Staat teilt Behindertenausweise zu, mit denen manche Steuerermäßigung in greifbare Nähe rückt, die das Parken vereinfachen und durch die noch so manche andere Dinge geregelt werden. Dennoch ist dieser Ausweis allein keine umfassende Hilfe. Da sind viele andere Alltäglichkeiten, die gelöst werden wollen. Die Krankenkasse beurteilt die Schwere einer Behinderung, um dann Anträge auf Kostenübernahmen, sowohl für Hilfsmittel und Pflege, wie auch für Wohnungseinrichtung und anderes zu übernehmen. Das wichtigste ist aber die Selbsthilfe, die sicher nur beschränkt möglich ist, dennoch aber das Leben lebenswert macht. Auch, wenn es schwerer ist, alleine zu leben, kann dieses Leben geregelt werden: Ein Notruf in hilflosen Situationen kann zum Beispiel über Sicherheitstechnik einer Detektei eingerichtet werden. Dann trägt der Rollstuhlfahrer einen Piepser bei sich, den er betätigt, wenn er hilflos in einer Situation gefangen ist. Lässt man den durchaus sehr besonderen Menschen mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung das Maß an Selbstbestimmung, zu dem sie in der Lage sind, macht man ihnen das Leben dadurch so angenehm, wie es in der außergewöhnlichen Lage eben möglich ist. Dann ist aber auch wirklich jede Stunde lebenswert.